Mittwoch, 2. März 2016

Der traurigste Tag meines Lebens

Habt ihr auch so eine Zahl, die sich durch euer ganzes Leben zieht? So etwas wie Freitag der 13.? Bei mir ist es der 22. - in positiver wie auch in negativer Hinsicht.  

Viele schöne Dinge sind an einem 22. passiert. Ich habe an einem 22. meinen Mann geheiratet und an einem 22. ist  auch mein erster Sohn geboren. Aber es sind auch viele schreckliche Dinge an einem 22. passiert. Mein erstes Haustier (und bislang auch letztes) ist an einem 22. gestorben. Und das Schlimmste was je passiert ist: Meine Mutter ist an einem 22. gestorben.

Ich saß beim Friseur. Das Braunfärben meiner Haare scheint mir kein Glück zu bringen, jedes Mal, wenn ich dies tue, passiert irgendetwas Schlimmes. Da ich aber nicht abergläubig bin, hatte ich wieder einen Versuch gewagt. Mein Mann wartete zu Hause. Da ich damals noch keinen Führerschein besaß, fuhr ich mit Bus und Bahn in die Stadt. Der Friseurtermin dauerte sehr lange, mein Magen knurrte. 
Nach guten 2 Stunden war ich fertig. Als ich den Salon verließ, schaute ich zunächst auf mein Handy. Zwei Anrufe in Abwesenheit. Mein Mann und eine mir unbekannte Nummer mit unserer Ortsvorwahl. Als ich meinen Mann zurück rief, sagte er, ich solle doch nicht mit der Bahn zurück kommen. Er wolle mich abholen, wir würden etwas Essen gehen und anschließend meine Mutter besuchen. Super! Ich hatte einen riesigen Hunger und war schon richtig zittrig. 

Nach dem Essen fuhren wir also weiter zu dem Krankhaus, wo meine Mutter nun schon seit knapp 80 Tagen auf der Intensivstation lag. Ihr Zustand wurde mit jedem Tag schlechter, aber zwischendurch gab es immer wieder Momente wo ich dachte: "sie schafft das!". Sie war ja auch gerade erst Mitte 50. Ein paar Wochen zuvor haben wir gemeinsam mit meiner Mutter unsere Hochzeit gefeiert und an dem Tag ging es ihr wirklich gut. 

Wir kamen also am Krankenhaus an. Wir stiegen aus, und rauchten noch eine Zigarette. In dem Moment schaute mein Mann mich extrem mitgenommen an, nahm mich in den Arm und sagte mir, ich müsse jetzt stark sein.... "Ich habe eben einen Anruf vom Krankenhaus bekommen.... Schatz, deine Mutter ist tot".
Meine Welt zerbrach wie Sicherheitsglas in 1000 Scherben, die nur durch meinen Mann noch zusammen hielt. Noch nie habe ich so geweint. Ich konnte den Schmerz in jedem meiner Körperteile spüren, es tat einfach nur wahnsinnig weh. Und ich konnte nicht mehr aufhören, die Tränen flossen einfach immer weiter über mein Gesicht. Warum ausgerechnet MEINE Mutter? Ich hatte doch eh Niemanden. 

Und dann übermannten mich Vorwürfe. Warum habe ich sie gestern nicht besucht? Wir waren gerade unsere neue Wohnung am renovieren. Sie sollte viel Platz für Kinder haben, die wir uns wünschten. Hätte ich es verhindern können, wenn ich sie besucht hätte? 

Ich hatte Angst das Krankenhaus zu betreten. Ich rauchte noch eine Zigarette. Und noch eine. Mir war schlecht. Ich wäre am liebsten weg gerannt. Gott sei dank hat mein Mann mich erst zum Fastfood-Riesen geschleppt, denn ich aß danach tagelang fast nichts. 

Wir betraten also das Krankenhaus. Und mit jedem Schritt, den wir in Richtung Intensivstation gingen, pochte mein Herz schneller und lauter. 

Ich hatte noch nie einen toten Menschen gesehen. Meine Großeltern väterlicherseits lernte ich nie kennen (sie verstarben bereits als mein Vater noch sehr jung war) und meine Großeltern mütterlicherseits starben, als ich noch klein war. Ich bin mir nicht sicher, ob man mich damals zur Beerdigung mitnahm, wenn nicht, würde das auch die erste Bestattung für mich werden. 

Bevor wir ihr Zimmer betraten, kam der Arzt zu uns. Er teilte uns mit, dass das Herz meiner Mutter an diesem Tag zum 3. mal aufgehört hatte zu schlagen. Der Rest ihres Körpers war eh schon auf Hilfe angewiesen (Dialyse, Beatmung, Magensonde, .....). Die Ärzte lehnten eine weitere Reanimation ab. 

Das klang kalt aber auch logisch. Seit Wochen quälte sie sich. Ich habe heute noch ihr schmerzverzerrtes Gesicht vor Augen, dabei bekam sie schon eine sehr hohe Dosis Morphium. 

Als ich ihr Zimmer betrat, überrannten mich die Gefühle. Einerseits war da wieder dieser Schmerz, meine Mutter verloren zu haben, dann die Angst (wovor genau weiß ich bis heute nicht), aber es gesellte sich auch Erleichterung dazu. Sie musste nun nicht mehr leiden. Sie lag so friedlich dort. Frei von Schläuchen und Kabeln, das Gesicht entspannt. Sie hatte es geschafft. 




Kommentare:

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Oh, verzeih, der Kommentar gehört hier nicht hin uns ist völlig unangemessen. Dein Post ist sehr bewegend und Dein Schmerz tut mir Leid.

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  3. Kein Thema, kann passieren ^^

    Danke & viele Grüße
    Kathrin

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  4. Ich liebe dich meine Blume und fühle mit dir!

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